Ein liebes Wort…

Ausschnitt von „Have a little faith“ (hab ein wenig Glauben) von Mitch Albom

Ein Rabbi (hier Reb genannt) spricht regelmäßig mit einem seiner jungen Gemeindeglieder und erzählt ihm dabei eine Geschichte. (Übersetzt aus dem Englischen).

„Weisst du, gemäss unserer Tradition bitten wir alle um Vergebung – sogar ferne Bekannte. Aber diejenigen, die uns nahestehen – Ehepartner, Kinder, Eltern – viel zu oft lassen wir da die Dinge „liegen“. Warte nicht, Mitch. Es ist eine Verschwendung.“

Dann erzählt der Reb mir eine Geschichte.

Ein Mann hatte seine Frau beerdigt. Als sie gemeinsam beim Grab gestanden hatten, liefen dem Mann Tränen übers Gesicht.
„Ich habe sie geliebt“, hatte der Mann geflüstert.
Der Reb hatte genickt.
„Ich meine… ich habe sie wirklich geliebt.“
Der Mann brach sichtlich zusammen.
„Und… ich hätte es ihr einmal fast gesagt.“

Der Reb schaute mich nun traurig an.
  „Nichts verfolgt uns mehr im Leben als die Dinge, welche wir nicht sagen.“

_________________

Das Buch kann ich nur empfehlen. Es ist eine wahre Geschichte, welche der Autor selbst erlebt hat. Seine Gespräche mit dem einstigen geistlichen Lehrer und wie er auch auf einen christlichen Pastor trifft. Diese Berichte sind so ehrlich und berühren das Herz, weil es einfach aus dem Leben spricht.

Es ist schon eine Weile her, seit ich es gelesen habe. Doch dieser Abschnitt von dem Mann, der seiner Frau nie gesagt hat, dass er sie doch geliebt hat – das hat mich doch sehr bewegt. Wie oft wollte ich denn schon jemanden sagen „hey, das war großartig“, oder, „ich mag dich, du bist genau so verrückt wie ich“, oder, „danke, dass ich du in meinem Leben bist“, oder einfach, „ich habe dich lieb!“ …

Ist es peinlich? Könnte mein Gegenüber das falsch verstehen oder sich unwohl fühlen dabei? Vielleicht… Aber, wir wissen auch, dass negative Aussagen oft zu schnell fließen, während die schönen Dinge „steckenbleiben“. Und wenn, dann sind sie so viel schwerer anzunehmen… Schade! Wir wissen oft nicht, wie sehr ein freundliches und liebes Wort dem anderen genau in dieser Situation hilft oder einfach einen Farbtupfer in sein Leben strahlt. Natürlich sollen wir nicht heucheln, das ist ja genau das Fatale. Aber ein aufrichtiges Wort, vielleicht auch nur ein Lächeln, eine Hand auf die Schulter, oder ein Nicken des Verstehens – das kann so befreiend sein. Seien wir doch mal verschwenderisch – es kommt bestimmt wieder auf dich und mich zurück!

Einst vor einigen Jahren habe ich genau diese Geschichte in unserem Hauskreis* gebracht. Dabei habe ich eine Box mit verschiedenen Spruchkarten auf den Tisch platziert und die Teilnehmer aufgefordert, sich zu überlegen, wem sie spontan einen Gruß schicken möchten. Jemand aus alter Zeit, oder vielleicht dem Nachbarn, oder sogar dem Ehepartner? Es ist nicht mal laut ausgesprochen, sondern schriftlich (auch schön, das kann man sich immer wieder ansehen). Zuerst betretenes Schweigen… Dann plötzlich gings los und die Stifte flogen über die Karten. Jemand wollte sich eine Karte mit nach Hause nehmen. Auch gut. Aber bitte, dann nicht liegen lassen – das kann dann auch passieren. Aber lieber spät als nie! Ich hatte an dem Abend drei Karten geschrieben und selbst dabei so viel Freude und Liebe empfunden, für die Adressaten! Das tat uns allen selbst gut.

Ich denke, der Mann in der Geschichte war so unendlich traurig, weil er den Moment verpasst hatte und nun befürchtete, dass seine Frau es nie erfahren hatte, wie er gefühlt hat. Aber vielleicht hatte sie es ja auch gewusst…

Ich muss manchmal schmunzeln, weil wir zuhause andere Ausdrücke verwenden. In der deutschen Sprache klingt das „ich liebe dich“ so nach „Rosamunde Pilcher“…. 😊. Aber, es gibt auch andere Art und Weisen, dieses Bedürfnis auszudrücken (hab dich lieb, ist auch schön 😊). Das muss wohl jeder für sich herausfinden (kleiner Seitenwink auf das Buch „die fünf Sprachen der Liebe, von Gary Chapman, auch sehr zu empfehlen. Nicht nur für Ehepaare, sondern für uns alle)!

In diesem Sinne – lasst uns offen und herzlich sein zueinander. Gerade jetzt, wo der Kontakt von Gesicht zu Gesicht (und das noch unter Maske) so selten und erschwert wird – es gibt WhatsApp, Facebook, das gute alte Telefon, und es gibt auch noch Email und das gute alte Briefpapier 😊.

Ich wünsche dir und mir, dass wir nicht verlernen aufeinander zuzugehen und wenn die Umarmung nicht stattfinden kann, so können wir es anders ausdrücken – jeder auf seine Weise!

Ich drücke dich

Anna

* Kleine Gruppe, die sich regelmässig austauscht und über biblische Texte nachdenkt

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