Können wir es sehen?…

Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen und auf dem Grund der Tiefe gewandelt?
Welches ist der Weg, wo das Licht sich teilt und der Ostwind hinfährt über die Erde?

Die Bibel, Hiob 38; 16 + 24

Wasser (Aqua)
Es plätschert, fließt, liegt ruhig da, tost in hohen Wellen, schäumt seine Gischt, zerspringt an Felskliffen, wird geschöpft, wird geleitet in Rohren, tränkt Mensch, Vieh und Natur, kann Energie erbringen – und es vermag zu ertränken…

Wind (Ventus)
Er weht, säuselt, stürmt, trägt die Vögel aller Art, bringt wohltuende Brise, trocknet die Wäsche, zerzaust wildes Haar, kann Energie erbringen – und vermag umzureißen…

Ventus ist auf seinem Weg von Süden gen Norden. Er hat etwas Sand mitgebracht, ein Geschenk der Wüste. Nicht jeder freut sich über diese Gabe. Ventus bringt gerne Dinge von hier nach da, auch wenn viele es nicht einmal bemerken. Er ist ein Reisebegleiter. Ventus war schon mit vielen Reisenden unterwegs gewesen, hat sich schon um so manche heißen Köpfe geschmiegt und ermutigend zugefächelt.

   „Du schaffst das,“ würde er dem Wanderer zuflüstern. „Trink noch einen Schluck von meinem Freund, Aqua. Dann geht es dir schon besser.“ Manch Reisender hatte dabei erleichtert gelächelt und sich bei Ventus bedankt, oder noch besser – bei dem, der Ventus ja den Weg vorgibt. Das ist gut so. Ventus geht nur seiner Bestimmung nach. Wenn er dabei jemanden was Gutes tun kann, freut er sich. Nicht immer ist es so.

  Ventus muss manchmal richtig hart arbeiten, besonders im Herbst. Seine Stürme sind dann wild und furchterregend. Es gibt aber auch Menschen, die dann besonders gerne in die Natur gehen und die heftigen Winde lieben. So stellt Ventus fest, dass auch seine unangenehme Seite von Nutzen sein kann. Auch gut.

  Im Frühling ist es lieblicher. Wenn alles zu blühen anfängt und die Umgebung sich vom Winter aufrafft und wieder zu Leben beginnt. Dann über die Felder, Wiesen und durch die Wälder zu segeln, das ist ein herrliches Erlebnis.

Heute hat Ventus Zeit. Es gibt nicht so viel zu tun und er kann auch mal ausruhen. Auf einer kleinen Felsmauer macht er halt. Unter ihm fließt ein Bach. Gemütlich plätschert er dahin.

  „Der hat´s doch gut,“ denkt Ventus und überlegt, wie einfach Aqua es doch hat. Er muss nur in dieser angeordneten Bahn dahinkraulen und sich keine Gedanken darüber machen, ob er am nächsten Tag vielleicht schneller oder stärker fließen muss.

  Das Bächlein verlangsamt seine Fahrt und ein paar Tropfen heben sich von der Oberfläche ab, um Ventus auf seinem Felsen etwas zu kitzeln.

„Hallo. Was machst du da?“ fragt Aqua seinen Windfreund.

  „Ich mache Pause und sehe dir zu, wie friedlich du vor dich hinplätscherst.“ Ventus seufzt und fährt fort, „du hast es gut. Du kannst hier in aller Ruhe vor dich hin bummeln. Wenn dann ein Kind kommt, um zu spielen, hast du auch noch herzliches Lachen um dich herum.“

  „Ich verstehe nicht, warum du mich so beneidest?“ Aqua neigt seine Tropfen fragend zu Ventus hin. „Wenn du über die Wiesen wehst, jauchzen die Kinder doch auch vor Freude, weil sie sich von dir schupsen lassen können. Das kann ich nicht. Wenn ich das Bachbett verlasse, versickere ich sofort im Boden. Das ist nicht gerade lustig.“

  „Du hast recht. Bitte entschuldige. Ich bin nur gerade etwas erschöpft und bei dir sieht alles so einfach aus. So lieblich und entspannt.“

  „Das sieht wohl danach aus,“ meint Aqua nachdenklich. „Aber weißt du, in wenigen Kilometern werde ich in einen Fluss einbiegen. Dort geht es dann rasant her und zu. Vielleicht nicht unbedingt heute. Aber erinnerst du dich an die Fluten vor einigen Jahren? Das war hart, sehr hart. Und was ich um mich herum gesehen habe, war traurig, sehr traurig.“ Aqua lässt seine Tropfen hängen. Die Erinnerung an diese Tage sind nicht schön.

  „Ja ich erinnere mich.“ Ventus neigt sich etwas vor und flüstert dann besorgt, „ich war in diesen Tagen auch unterwegs. Ich musste den Fluss antreiben, damit er schneller wegfloss. Da hatte ich auch Mitleid mit dir, was du da alles mitschleppen musstest.“

  „Also beneidest du mich doch nicht so sehr?“ Aqua zwinkert Ventus zu. „Wenn du möchtest, begleite mich doch ein Stück. Hast du Zeit, dann folge mir bis zur Meeresmündung. Geht nicht dein Weg ohnehin da lang?“

  „Ja!“ Ventus überlegt. Zusammen wäre die Reise nicht so eintönig. „Wenn ich es mir recht überlege, dann haben wir es doch beide gut. Du hast die Fische, die mit dir mitschwimmen. Ich habe die Vögel im Himmel, die sich fröhlich von mir treiben lassen. Schade ist nur, dass ich nie die Tiefen deines Reiches sehen werde.“

  „Mach dir nichts draus,“ tröstet Aqua seinen Freund. „Ich bestaune deine Flugkünste und mit welcher Kraft du in den Himmel aufsteigst und mit den Wolken sprechen kannst. Wenn ich meine Bahn in kleinen Molekülen hinauf zu den Wolken ziehe, dann bin ich froh, wenn ich heil oben ankomme und mich dort etwas ausruhen kann, bis ich wieder zur Erde gesendet werde.“

Aqua lässt sich zurück ins Bachbett gleiten und macht sich weiter auf seinem Weg. Ventus säuselt über seinem Freund hinweg und genießt diesen friedlichen Tag.

  Gott weiß seine Bahn und wann er wo zu sein hat. Sowohl er als auch Aqua, haben ihre Bestimmung. Manchmal – wie an diesem Tag – reisen sie ein Stück zusammen. Dann wiederum müssen sie sich trennen. Aber irgendwo treffen sie sich wieder.

  Der eine hat mal schwer zu kämpfen, der andere begleitet ihn oder kann nur von weitem zusehen und für seinen Freund hoffen, dass er sein Teilstück schafft.

  Verbunden sind sie durch das Wissen, dass der – welcher sie geschaffen hat – sie kennt, ihre Grenzen, ihre Stärken und Schwächen und sie nach Maß einteilt.

Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“

Die Bibel, Prediger 3; 11

Ist es nicht so, dass ich doch manchmal nur das sehe, was andere haben oder können? Wie gerne würde ich tauschen oder mal erleben, wie es ist wie der andere zu sein oder leben zu können…
Doch dann… dann wird mir wieder bewusst wie reich mein Leben doch ist. Wie gut es mir doch geht und wie mein Weg sich immer wieder abenteuerlich gewendet hat. Teure und liebe Freunde zu haben, die ich im Moment zwar kaum sehen kann, aber dafür hören – am Telefon, via E-Mail oder wir auch in Gedanken einfach beieinander sein dürfen!

Ich wünsche dir und mir, dass wir Tage erleben dürfen wir der Wind, mit Blick auf all das Schöne um uns herum und uns frei fühlen, zu fliegen in Geist und Seele!
Oder Tage wie das Wasser, einfach mitließen und treiben lassen; und wenn dann doch etwas angeschwemmt kommt, so lass es uns mitnehmen, bis es wieder von uns genommen wird!

Bleib behütet und auf deinem Weg….

Anna

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