Raus aus der Schlucht…

Nordengland, 1994 (eine wirklich wahre Geschichte)

Eigentlich war es noch früher Abend und wir dachten, „komm, das letzte Stück fahren wir noch…“ Jung, frohgemut und ohne geografische Kenntnisse fuhren wir also los, auf der Strasse weiter Richtung Norden…

Wo waren wir… und wohin wollten wir eigentlich?

Die Frage drängte sich irgendwann auf. Die Strasse wurde schmaler. Die Dämmerung war zwar schön anzusehen, versprach aber das rasch folgende Eindunkeln (April) im herrlichen Nordengland. Und dann war es plötzlich duster. Keine Strassenbeleuchtung. Keine Wegweiser. Die Berge aber umso presenter… Diese ragten dunkel und irgendwie beängstigend nahe rechts und links in die Höhe.

Warum so ängstlich? Uns zwei eingeborenen Schweizerinnen sollte von diesen Naturschönheiten doch nicht unbehaglich werden?

Anfangs haben wir noch gescherzt, wo wir wohl landen werden, Ob es hier überhaupt noch Zivilisation gabe. Irgendwann wurde es aber ziemlich still im Aute. Kurve um Kurve, immer unter den Schatten der hochragenden Felswänden. Der Motor lief tapfer weiter – Gott sei Dank… Denn anhalten durften wir nicht, der Motor hatte Startschwierigkeiten und ich musste des öfteren anschieben. Aber hier draussen?…

Meine Freundin fährt konzentriert die scharze Strasse entlang. Kurve um Kurve, ohne Markierungen, ohne Seitenpfosten… Ich habe leider den Führerschein noch nicht in der Tasche, sonst hätte ich sie ja abgelöst. Ich versuche zu assistieren, idem ich auch ganz konzentriert die Strasse beobachte. Wir sprechen schon seit einer ganzen Weile nichts mehr (ungewöhnlich für diejenigen zu lesen, die uns kennen 🤭). Wir fahren so eine gefühlte Ewigkeit weiter…

Da! Ein Lichtschein in der Ferne! Das Tal breitet sich weiter vorne aus. Weiter hinten kommen noch mehr Lichter zum Vorschein. Noch ein paar Meter und die Schlucht liegt hinter uns. Wir kommen in die offene Weite. Zwar ist es dunkel, aber die drückende Schwere der dunklen Schlucht und der lauernden Berge ist nicht mehr da. Zumindest habe ich nicht nach Hinten geschaut um zu prüfen ob sie noch da waren…

Wir fangen beide gleichzeitig an auszuatmen und ich sage nur, „puhhh bin ich froh, dass wir da raus sind.“ Meine Freundin lacht erleichtert und meint, „sag mal nichts, das war ja beklemmend. Ich dachte schon, da kommen wir nie raus.“

Wir fahren noch ein Stück und sehen dann auf der linken Seite ein Haus mit dem Hinweis „B&B“ (Bed & Breakfest = Bett und Frühstück). Sieht ein bisschen aus wie in den Schweizer Bergen, so eine Art Berghütte. Egal, wir sind froh, Zivilisation gefunden zu haben! Die Gastgeberin ist höchst erstaunt, um diese Uhrzeit (es war gerade mal 19.00 Uhr) noch Besuch zu bekommen, und was machen zwei so hübsche junge Frauen alleine auf dieser Strecke? Wir erzählen ein bisschen und freuen uns wie immer über die herzliche Gastfreundschaft in diesem Land. Die Frau hat die Nerven und kocht uns noch ein herrlich herzhaftes Abendbrot (ich meinte mich zu erinnern, dass wir einen leckeren Burger mit Fries = Pommes bekommen haben). Die Nacht haben wir super gut geschlafen. Am nächsten Tag gings weiter nach Norden. Da landeten wir im herrlichen „Lake district“. Heute kann ich das genau auf der Karte zeigen. Aber damals…

Ich hatte meine Freundin während ihres England-Aufenthaltes für ein paar Tage besucht. Netterweise durften wir für die ganze Zeit das Auto der Familie ausleihen. Bis nach Schottland ging es hoch. Unvergesslich. Vor allem, wie naiv und unvorbereitet wir einfach drauf losgefahren waren… Aber wir kamen auch heil wieder zuhause an. Das Auto habe ich – kann es nicht mehr zählen – zig-fach mit der Hilfe von herbeieilenden freundlichen Engländern, anschieben müssen oder dürfen 🤭. Was haben wir gelacht. Heute würde ich als erstes eine Werkstatt aufsuchen!

Das ist nun gute 30 Jahre her. Ja, soooo jung waren wir damals noch!

Wie gerne wäre ich heute mal wieder so spontan. Einfach in das Auto sitzen und irgendwo hindüsen. Ohne Plan, ohne konkretes Ziel. Sowas geht doch heute nicht mehr, oder doch? Mit zwei Kindern und dann ist doch da noch der Beruf. Natürlich, alles muss seine Ordnung haben… Und irgendwann sind die Kinder gross und ausgeflogen. Heute träumen mein Mann und ich von einem Wohnmobil, mit welchem wir dann einfach hinfahren und bleiben können, wo wir wollen (und auch erlaubt ist, logisch 🤭). Hoffen wir mal, dass sich bis dahin der Fall Corona normalisiert hat…

Aber, was wird dann sein? Wir wissen es noch nicht. Träumen dürfen wir. Was kommt, das überlassen wir unserem Herrn und Gott, der unseren Weg kennt und uns begleitet – jeden Tag – auch wenn es mal düster her und zugeht, oder die Strasse nicht hell beleuchtet ist und dann noch alles bedrohlich scheint…. An die düstere Schlucht von damals musste ich irgendwie in den vergangenen Wochen denken. Es war unheimlich, aber dann – das Licht am Ende – das war solch eine Erleichterung! Und ich weiss, dass Gott immer wieder solche Lichtblicke in unsere Leben kommen lassen will. Nur die Fahrt durch die Schlucht, die braucht Geduld und Vertrauen!

Das wünsche ich dir und mir – das Vertrauen, dass Jesus mit uns geht, durch dick und dünn – oder in diesem Fall durch düster und hell!

Alles Liebe,

Anna

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